Ein „wilder 60er“: der rote Gläserne von Piko
Piko hat den “Gläsernen Zug” für die Spur G nun in Purpurrot ausgeliefert, wie er ab 1953/1954 bis zum Olympiajahr 1972 über die Gleise rollte. Ein feines Detail ordnet die neue Farb- und Formvariante aber genau in eine nur kurze Zeitspanne der 60er Jahre ein, als die Herrenfrisuren immer länger wurden und Beatles ihre große Karriere begannen. 1968 war dann sein Dasein als ET91 schon wieder vorbei. Woran man das erkennt, lesen Sie hier.
Man schrieb die frühen 1930er Jahre, als die damalige Deutsche Reichsbahn Gesellschaft dem stark ansteigenden Ausflugsverkehr mit Bussen etwas Gleichwertiges entgegensetzen wollte. Insbesondere im süddeutschen Raum und auch in der Ausflugsregion an Rhein und Mosel gab es einen stark wachsenden Bedarf nach Urlaub und Freizeitvergnügen. Aber die beiden in Auftrag gegebenen Triebwagen, die als elT 1998 und elT 1999 vorgesehen waren, sollten zunächst nur von München aus auf den bereits elektrisch betriebenen Strecken in Richtung Salzburg und Mittenwald und auch auf Strecken im benachbarten Österreich zum Einsatz kommen.
Auf der Ausstellung „100 Jahre Deutsche Eisenbahn“ konnte Mitte Juli 1935 zunächst ein reines Standmodell ohne Technik präsentiert werden. Doch der erste öffentliche Einsatz eines fahrfähigen Triebwagens zog sich bis zum 8. Dezember 1935 an. Das war der große Tag der Fahrzeugparade aus Anlass des 100-jährigen Bestehens der Deutschen Eisenbahn, und gefeiert wurde er in Nürnberg. Hier war es dann auch, dass man den neuen, in Hellblau/Hellgrau lackierten Aussichtstriebwagen dem Publikum mit dem Namen „Gläserner Zug“ vorstellte.
Beheimatet in München
Diese Bezeichnung kam freilich nicht von Ungefähr. Der gesamte obere Wagenkasten war großflächig mit Panoramascheiben versehen, die ihrerseits durch sehr schmale Metall-Traversen untereinander verbunden waren. Die Verglasung wurde bis in den oberen Dachbereich des Fahrzeugs fortgeführt, sodass die Reisenden im Fahrzeug eine großzügige Sicht in fast alle Richtungen genießen konnten. Auch die ausgesprochen niedrige Gürtellinie des Wagenkastens unterstützte diesen optischen Eindruck. Ab Frühling 1936 waren beide Triebwagen beim Bw München Hbf beheimatet und wurden von hier aus regelmäßig eingesetzt.

Diese Bezeichnung kam freilich nicht von Ungefähr. Der gesamte obere Wagenkasten war großflächig mit Panoramascheiben versehen, die ihrerseits durch sehr schmale Metall-Traversen untereinander verbunden waren. Die Verglasung wurde bis in den oberen Dachbereich des Fahrzeugs fortgeführt, sodass die Reisenden im Fahrzeug eine großzügige Sicht in fast alle Richtungen genießen konnten. Auch die ausgesprochen niedrige Gürtellinie des Wagenkastens unterstützte diesen optischen Eindruck. Ab Frühling 1936 waren beide Triebwagen beim Bw München Hbf beheimatet und wurden von hier aus regelmäßig eingesetzt – worüber wir in der GBP-Ausgabe 1/23022 ausführlich berichtet haben.
Der zweite „Gläserne“ ging verloren
1940 zeichnete die DRG die beiden elektrischen Triebwagen in ET 91 01 und 02 um. An der Beheimatung der Fahrzeuge in München änderte sich jedoch nichts. Bei einem Bombenangriff auf München am 9. März 1943 ging der ET 91 02 verloren. Er brannte im Bw München Hbf völlig aus und war nicht mehr zu retten. Den ET 91 01 zog man für Jahre als behütetes Einzelstück aus dem Verkehr. Im Nachkriegsdeutschland herrschte für Ausflugsfahrten zunächst kein Bedarf. Erst im Sommer 1949 richtete das Bahnbetriebswagenwerk München-Pasing den ET 91 01 wieder betriebstüchtig her, dann stand der „Gläserne Zug“ dem Betriebsdienst im Bw München Hbf zur Verfügung, frisch lackiert im neuen Farbschema Graublau/Steingrau.
Aber so fuhr er nur für kurze Zeit. Denn jede Zeit hat ihre Farbe, zumindest bei den Elektro- und Dieselloks der Bahnen. Und das ist auch gut so für Modellbahnhersteller, die sich einem Einzelgänger angenommen haben, denn Varianten beleben die Nachfrage und machen Modelle erst für die Serienproduktion wirtschaftlich. Nun ist der „Gläserne Zug“ von Piko G in der Farbe purpurrot ausgeliefert, ein historisches Fahrzeug zur Zeit der wilden 68er Generation, zu haben analog (37330/ 1475 €) und digital (Art. 37331/1650 €). Bahntechnisch ordnen wir dieses Modell in die Epoche 3b bis Ende 1967 ein, denn er ist als ET 91 01 beschriftet.
Errötet zum Weltmeisterjahr 1954
Vornehm errötet ist der Gläserne ET 91.01 zwar schon 1953, kurz bevor Deutschland erstmals Fußball-Weltmeister wurde. 1954 ging er dann in erhabenem Purpurrot auf Tour. Der durchaus vornehme, aber eher triste Farbmix aus Graublau und Steingrau im Fensterbereich hatte ausgedient, die 3. Klasse auch. Mit der neuen Farbe wertete die Bundesbahn den Triebwagen zugleich zum 2.-Klasse-Fahrzeug auf und modernisierte die elektrische Ausrüstung mit zwei Scherenstromabnehmern der Standardbauart DBS 54. Auch darin unterscheidet sich der rote Gläserne von der enzianblauen Erstvariante, die Piko Ende 2021 ausgeliefert hatte (siehe in GBP 1/2022, Art. 37330 und digital Art. 37331).

Des Rätsels Lösung
Warum nun Pikos purpurrotes Modell streng genommen erst in die 1960er Jahre passt? Das entscheidende Detail ist der Seitenbereich unterhalb der Fensterreihe. Bis zu Beginn der 1960er Jahre trug der purpurrote Triebwagen noch eine zusätzliche beige Zierlinie direkt unterhalb der Fensterreihe. Die verschwand dann und das Beige reichte fortan nur bis unterhalb der Fenster. Lediglich in Höhe der Puffer gab es noch eine feine beige Zierlinie. 1968 wurde aus dem ET 91 01 der computergerecht bezeichnete 491 001-4, der ab 1972 Olympiablau als Hauptfarbe trug. Dieses wechselte 1986 in Enzianblau. Und so, in Enzianblau und Beige, haben wir ihn als Piko G-Modell schon kennengelernt.


