11. Oktober 2026
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Piko G: Die wahre Identität der „Blauen Mauritius“

Kaum im Neuheitenprogramm 2025 vorgestellt, liefert Piko zu Ende Februar schon weitere Farb- und Bedruckungsvarianten bekannter Grundmodelle aus. Dazu gehört auch die „Blaue Mauritius“, eine Vertreterin der deutschen Krokodil-Familie. So bezeichnete man die ab 1940 ausgelieferten elektrischen Lokomotiven der Baureihe E94, die wegen ihrer technischen Konstruktion mit zwei vorgelagerten Drehgestellen und ihrer Formgebung an schweizerische Krokodil-Lokomotiven erinnerte – nicht zuletzt auch wegen ihrer grünen Farbgebung.

Als die Deutsche Bundesbahn ab 1974 begann, ihren Fuhrpark in ein einheitliches ozeanblau-beiges Design umzugestalten, traf es auch die E94. Doch von dieser Farbmodernisierung war lediglich 194 178-0 betroffen, und die hat sich Piko als Vorlage für die aktuelle Ausgabe der E94 genommen. Angeboten wird das G-Modell ab ca. Ende Februar in analoger Ausführung (#37438 / 945 €) sowie als digitales Soundmodell (#37439 / 1095 €).

Das vermeintliche Vorbild ist die heute im Weimarer Eisenbahnmuseum rollfähig erhaltene E94 – ein Briefmarkensammler würde sie als Fälschung bezeichnen. Denn hinter dieser Museumslok steckt eine ganz andere Lokidentität und eine wechselvolle Geschichte, in der die Lokführerin Barbara Pierch eine maßgebliche Rolle spielt.

Heute im Museum – doch schon 1988 verschrottet

Beim ursprünglichen Vorbild handelt es sich um eine Vertreterin der ersten von zwei Nachbauserien, die nicht noch während des Kriegs oder kurz danach an die DRB ausgeliefert, sondern erst von der Deutschen Bundesbahn in Auftrag gegeben wurde. Die erste Nachbauserie, als E 94.1 bezeichnet (Betriebsnummern E 94 178 bis E 94 196), unterschied sich technisch wie optisch nur geringfügig von der Ursprungsbauart, war jedoch mit anderen Fahrmotoren (AEG EKB 725a) ausgerüstet. Erst die spätere, zweite Nachbauserie (E94 262 bis E 94 285) erhielt eine stärkere Motorisierung mit Fahrmotoren von SSW. Diese Bauserie wies ein um etwa 40 Prozent höheres Leistungsprofil auf, das schon an die nachfolgenden, späteren Einheits-Elloks der DB-Baureihe E50 heranreichte.

Die erste und somit echte 194 178 im Bw Mannheim, aufgenommen im April 1984. Sie ist das genaue Vorbild der “Blauen Mauritius” von Piko.
Foto: Jürgen Rech

Das Piko-Modell entspricht also der Ursprungsbauform und gibt die markante Lackierung getreu zum Original der 1970er und 1980er Jahre wieder, inklusive der seitlichen, am Rahmen platzierten Loknummern (war nur bei wenigen Loks der Fall) und DB-Keks am Aufbau. Dass es bei nur einem derart lackierten Original geblieben ist, begründet sich in der sichtbaren Verschmutzung der beigen Kontrastfläche an den Frontseiten der Drehgestell-Hauben.

Es sollte nicht verwundern, dass man ein solches Unikat erhält. Doch wer heutzutage im Weimarer Eisenbahnmuseum die 194 178 entdeckt, begegnet nicht dem wahren Original, denn das wurde nach einer Laufleistung von 3,7 Millionen Kilometer bereits 1987 ausgemustert und im September des darauffolgenden Jahres in München-Pasing verschrottet. Hinter der Museumslok verbirgt sich vielmehr die 1955 bei der DB in Dienst gestellte E 94 280, die zunächst in 194 280-4 umgezeichnet wurde. 1970 erhielt diese Lok als eine von acht BR 194 stärkere Motoren von Siemens und eine Zulassung auf 100 km/h Höchstgeschwindigkeit, was durch die Umzeichnung in 194 580-7 kenntlich gemacht wurde. So blieb die Lok bis zu ihrer z-Stellung 1987 in Dienst.

Vorbildfotos (2): Johannes Martin Conrad, Wikimedia Commons, CC BY 3.0 aufgenommen im Juni 2013 auf der Dillstrecke

Anschließende Stationen waren die Historische Eisenbahn Frankfurt e.V. und die Muldenthalbahn EVG in Glauchau, bevor die Lok 2009 in das Privateigentum der Lokführerin Barbara Pierch überging, die sie in ihrem 2001 gegründeten privaten Eisenbahn-Verkehrsunternehmen „Rail4U“ einsetzte – weltbekannt als „Germany’s one woman freight railway“. Ihr Handwerkszeug: 194 580-7, nunmehr in 194 178-0 umgezeichnet und entsprechend dem früheren DB-Vorbild im Farbschema ozeanblau-beige lackiert.

Die „Blaue Mauritius“, wie Barbara Pierch ihre E 94 nannte, schien auferstanden zu sein, mit den Siemens-Motoren stärker und schneller als je zuvor. Sie verdiente ihre Brötchen im Güterzugdienst, nicht selten vor aus Kesselwagen gebildeten Ganzzügen (passend zu den in Spur G angekündigten Chemiekesselwagen von Piko). Bis zu jenem Junitag 2013, als das blaue Krokodil im oberbayerischen Münchsmünster von einer Rangierlok angefahren und nicht unerheblich beschädigt wurde.

Nach einer Aufarbeitung in Eisenach ist die “194 178-0” seit Mai 2020 beim Thüringer Eisenbahnverein Weimar als Leihgabe ausgestellt. Wer also heute dort der „Blauen Mauritius“ begegnet, hat eine Schöpfung von Barbara Pierch vor Augen, die einstige 194 580. Das echte Original hat längst das Zeitliche gesegnet.

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